christoph keller - encyclopaedia cinematographica
Der mechanische Fortschritt technologischer Innovation hat in Allianz mit den globalen Wirtschaftsgesetzen den Gedanken des Fortschritts im Sinne einer geistigen oder auch ideologischen Entwicklung verdraengt. Es scheint als seien, zumindest auf Zeit, Geistenswissenschaft, Kunst und Kultur und in grossen Teilen auch Politik zu Erfuellungsgehilfen und bestenfalls Zulieferern des globalen Projektes der Selbstverwirklichung von Technologie und Wirtschaft geworden. Der vorherrschende, nunmehr rein wissenschaftliche Fortschritt formuliert kein Versprechen auf ein neues Zeitalter mehr, sondern er verheisst nichts mehr ausser sich selbst.
In den aus der technologischen Wissenschaft hervorgegangenen Medien Fotografie und Film ist die damit verbundene Ueberwindung der Zeit schon angelegt. Im Film wird ein Zeitfenster in Einzelbilder zerlegbar, rekonstruierbar und verfuegbar. Zeit im Sinne eines unumkehrbaren Vorganges verliert seine Realitaet, sobald die ihr unterworfene Natur reproduzierbar geworden ist. Film ist damit in gewisser Hinsicht der Vorgaenger der Biotechnologie in der zweiten Dimension, bei letzterer wird nicht mehr abgebildet, sondern “nachgebildet”, wobei beide Methoden sich ihren Gegenstand ueber die Reproduzierbarkeit erschliessen.
Eine Archaeologie der wissenschaftlichen Archive und des wissenschaftlichen Filmes ,wie sie Christoph Keller verfolgt, fuehrt die “Bilder” der Wissenschaft wieder in den kulturellen Kontext ein. Der wissenschaftliche Film als Untersuchungsobjekt folgt seiner Intention nach der oben beschriebenen Verfuegbarmachung eines Zeit- und somit eines Bewegungsablaufes. Die narrativen Qualitaeten des Kinos, die sich aus der Manipulierbarkeit der im Film abgebildeten Wirklichkeit ergibt, sind hier unerwuenscht, die Aussage wird nach Bemuehen auf die blosse Sichtbarmachung eines Vorganges reduziert. “Archaeologie” bezeichnet dabei das Vorgehen wie auch den Gegenstand. Christoph Keller naehert sich seinen Objekten, in diesem Fall dem Archiv, mit dem Blick eines Forschers, der den Code des gefundenen Objektes noch nicht kennt. Dabei wird Wissenschaft nicht nur “sichtbar”, sondern auch deren ideologische Vorgaben. Diese kuenstlerische Wissenschaftskritik ist allerdings eher eine subersive Strategie der Selbstentbloessung ideologischer Vorgaben ist als ein System von Aussagen.
Die Arbeiten Christoph Kellers spiegeln das Verhaeltnis von Wisssenschaft und Kultur. Die grossteils heute noch gueltigen Paradigmen aus der Zeit der Aufklaerung haben die Naturwissenschaften objektiviert, scheinbar von Wertesystemen und vom Subjekt befreit und beide in den entfunktionalisierten Raum der Kultur entlassen. Diese Trennung fuehrte zu einer Entfesselung der Kraefte insbesondere der Wissenschaft, die fuer die westliche Kultur schlechthin steht. Die wissenschaftliche Reduktion und “Zerteilung” der Welt als Gesamtheit aller Phaenomene auf erfassbare Einheiten unabhaengig ihrer Wertigkeiten macht sie als mathematische, physikalische oder biologische Modelle beschreibbar. Die reproduzierbare Welt ist die decodierte und dechiffrierte Welt, deren Sourcecode nicht laenger ein Geheimnis ist und der eine Steuerung aller Lebensprozesse und damit die Steuerung von Zeit in Aussicht stellt. Der vorlaeufige Hoehepunkt der dabei entstandenen Allianz von Wirtschaft und Wissenschaft auf diesem Wege ist die gemeinsame Erschliessung des menschlichen und anderer Koerper in den Biotechnologien.
In den Archiven wissenschaftlicher Filme findet sich dieser Gestus des wissenschaftlichen Zugriffs auf die Welt wieder, die im Archiv zerlegt, gerastert,”praepariert” und reproduziert wird. In das Archiv als Weltmodell und als Gedaechtnis fuehrt Christoph Keller das kulturelle Subjekt wieder ein, indem er das Archiv jenseits der archivarischen Vorgaben zum kulturellen Monument erklaert, zum phantasmatischen Gedaechtnis eines Zukunftsprojektes. Wissenschaft wird hier zum einen im Informationsraum der Installation erlebbar, dessen Einzelteile in gut aufbereiteter Form “lesbar” sind, zum anderen wird sie (unfreiwillig) zum Bild. Zwischen dem “Lesbaren” und dem “Sichtbaren” klafft die Luecke zwischen Wissenschaft und Kunst. Das Sichtbare in Christoph Kellers Installationen lebt von der groesstmoeglichen Entfernung und gleichzeitigen Naehe des Betrachters.
In der Arbeit Encyclopaedia Cinematographica, die auf dem gleichnamigen, u.a. von dem Verhaltensforscher Konrad Lorenz gegruendeten Archiv wissenschaftlicher Filme zur Erfassung der gesamten bewegten Welt in kurzen, exemplarischen Filmen aufbaut, stellt Christoph Keller die Modelle Kunst (Museum) und Wissenschaft (Archiv) einander gegenueber: Der urspruengliche Gedanke, ein Archiv von “Bewegungspraeparaten” zur vergleichenden Verhaltensforschung aufzubauen, in dem die gesamte lebendige Welt in 2-minuetigen Filmen enthalten sein sollte, wobei jede Art und Gattung in ihrem Bewegungsspektrum erfasst und entsprechend viele Filme in der “Matrix” vertreten sein sollten, wird von ihm noch zugespitzt. Er schafft eine Landschaft von Monitoren einer beliebigen Teilmenge des Archives, das eine gleichzeitige, parallele Existenz der Filme ermoeglicht, transformiert das Archiv so zum Museum und fuehrt damit das Subjekt, den “Schoepfer” und den “Betrachter” ein, das dem Archiv als Weltmodell gegenuebersteht. In Weiterfuehrung des Gedankens des “Bewegungspraeparates” bearbeitet er die Filme ihrerseits in die entgegengesetzte Richtung: Aus jedem Film isoliert er exakt einen Bewegungszyklus und setzt diesen zu einer Endlosschlaufe zusammen. Die entstehende Bewegung wird durch die Wiederhohlung zum endlosen Zustand eines Filmbildes. Das wissenschaftliche Vorgehen des Zerteilens macht die so zu Artefakten gewordenen Abbilder des Lebens beliebig zusammensetzbar – und erreicht dadurch doch ein immer gleiches Bild eines fuer die Ewigkeit installierten Zustandes der Rekombinationen.
Das Interesse Christoph Kellers an der technologische Komponente der Reproduktion der Wirklichkeit und deren Wahrnehmung zielt auf eine Art praktizierte Unschaerfe-Relation ab. Seine Experimente mit Rundum-Fotografien erreichen das, indem sie durch technische Manipulation die Verfremdung eines bekannten Objektes wie einer S-Bahn herbeifuehren, was dem Moment einer Art Bewusstwerdung der Technik als aktiver Wahrnehmung gleichkommt. Wahrnehmung konstituiert den Gegenstand und das Bewusstsein. Die sozialen Vereinbarungen als Grundlage eines unhinterfragten Bewusstseins sind aehnlich bieg- und dehnbar wie auch Sprache als soziales Konstrukt manipulier- und transformierbar ist, auf keinem festen Gefuege aufbaut. Am Film liesse sich dieses Problem genauer schildern, wobei Sehen, Lesen und Schreiben im kuenstlerischen und auch wissenschaftlichen Prozess zusammenfallen. In diesem Raum der Unschaerfe-Relationen sind Wissenschaft und Kunst voneinander nicht zu trennen, da Subjekt und Objekt sich einander bedingen.
Der Umgang Christoph Kellers mit Archiven misst deren Modellcharakter in diesem Zusammenhang besondere Bedeutung zu. Das Archiv ist als erstes, wie oben schon erwaehnt, ein Ort der Aufbewahrung und Kategorisierung der Welt oder einer ihrer Teilmengen. Das Archiv selbst legt mit seinen archivarischen Regeln dabei das Raster fest – oder frei nach Foucault: Wissenschaftlich denken heisst im Archiv denken. Darueberhinaus ist das Archiv also Gedaechtnis und Betriebssystem, ein Art sich selbst ausfuehrendes Programm und auch zwingende Grundlage des Bewusstseins.
Das globale ArchivÅ@– wie auch das persoenliche Gedaechtnis - wird de facto mit jedem Erinnerungs- oder Recherchevorgang umgeschrieben, gefiltert, ueberschrieben, konstituiert sich also grundlegend neu. Im Sinne der “aktiven”, weil das Objekt konstituierenden Wahrnehmung heisst das, das auch Erinnerung und der Gang ins Archiv aktive Vorgaenge sind. Diese Vorgaenge werden von der funktionalisierten Maschinerie des technologischen Fortschritts weitgehend ignoriert, aehnlich wie sich eine Reihe von Erkenntnissen z.B. auf dem Sektor der Physik, die zu einem grundlegenden Paradigmenwandel haetten fuehren koennen, nicht durchgesetzt haben.   Das Inbetrachtziehen dieser Einwaende und das Infragestellen der gueltigen Paradigmen installiert ein Zweifeln an einer Maschinerie, die mit ihrer Funktionaltitaet ihre Berechtigung und ihren Wahrheitsgehalt  schon  bewiesen hat.
Christoph Kellers strukturalistischer Blick auf technologische Apparate betrachtet deren Funktion als Verlaengerung der menschlichen Sinne. Die z.B. in der Anzahl von Filmbildern pro Sekunde vorgegebene Vereinbarung ueber die Konstruktion von Realitaet laesst uns dabei allerdings selbst in einer Schleife denken, in der die menschlichen Sinne zum Medium werden, die festlegen, was wahrgenommen werden kann und dadurch das gesamte menschliche Bewusstsein konstituieren. Die sich daraus ergebende Untrennbarkeit des Verhaeltnisses von Subjekt und Objekt, um das es hier geht, wird in juengster Zeit insbesondere in der Hirnforschung diskutiert. Christoph Keller setzt da an, wo die Modelle der Wissenschaft als Bilder wieder beim Subjekt ankommen und das Subjekt wieder bei den Bildern der Wissenschaft. Die Fragen der Repraesentation und der Verortung, die Kunst aufwirft, werden in diesen Arbeiten von vorneherein in der aus einem anderen Kontext uebernommenen Struktur der Archive beantwortet, man findet sich bei ihm immer wieder in einem System von Fakten, und dem Bild davon , dass diese Fakten eben erst durch unser Handeln entstehen